Gott sei Dank habe ich vom Spiel heute nix gesehen. Manchmal kann eine Dienstreise an einem Sonntag auch angenehme Seiten haben. Nach dem Bayern-Spiel war ich noch recht zuversichtlich, nach dem Nürnberg-Spiel überrascht, nach dem Enschede-Spiel enttäuscht und heute abend nur noch konsterniert.
Im Radio habe ich etwas sehr bedenkliches gehört. So sagte der Kommentator: “Ich weiß nicht und ich kann nicht erkennen, wie Thomas Schaaf seine Mannschaft heute eingestellt hat.” Und das finde ich bezeichnend. Ich habe mich in den letzten Tagen oft gefehlt, was mir an Werder im Herbst 2010 nicht gefällt. Oder besser: was mir an Werder in der aktuellen Saison nicht gefällt. Denn, obwohl man nach dem Freiburger Gekröte einen deutlichen Aufwärtstrend erkennen konnte, gegen die Bayern, Enschede und Nürnberg die klar bessere Mannschaft war und sogar bei einer 0:6-Packung noch über 60% Ballbesitz hatte (lt. ARD-Videotext) fehlen mir einige Punkte bei Werder – und damit meine ich Mannschaft, Sportliche Leitung und Umfeld.
Wenn ich Werder 2010 mit Werder 2004 – 2009 vergleiche, fehlen mir verschiedene Sachen. Zum Einen fehlt mir Mut. Ich habe das Gefühl, dass Werder einfach nicht mehr so mutig spielt oder spielen darf wie früher. Mir fehlt Leidenschaft. Nur allzu oft habe ich das Gefühl, als ob die Mannschaft mit einem gewissen Anspruch in ein Spiel geht und versucht, diesen Anspruch so nüchtern wie möglich zu erreichen. Also das, was man vor einigen Jahren den Bayern vorgeworfen hat. Der große Unterschied: bei Bayern war es meist erfolgreich. Werder war aber genau dann erfolgreich, wenn sie genau nicht nüchtern gespielt haben, sondern voller Leidenschaft, Stolz und Enthusiasmus. Aber das fehlt vollkommen.
Und genau das ist, was mich im Moment so an Werder stört – und damit meine ausdrücklich nicht nur die Mannschaft, sondern auch das Umfeld.
Ich war vergangenen Dienstag im Stadion und auch beim CL-Heimspiel gegen Tottenham. Es mag vielleicht an der Baustelle liegen, aber ganz ehrlich: die Stimmung war scheisse. Mir fehlte das Kribbeln, was durchs Stadion ging, mir fehlte die Leidenschaft. Genauso wie die Mannschaft nüchtern an Aufgaben heranzugehen scheint, genauso zurückhalten und erwartend ist das Stadion. Deshalb denke ich so gerne an 2004 zurück. Nach Jahren war man wieder in der Champions League. Man ist – ohne groß nachzudenken – in die Spiele gegangen, hat gekämpft, gespielt und gezaubert – und damit hat man dann auch die Fans gewonnen.
Was ist aus dieser schönen Zeile geworden: “Wir gehören zusammen – Ihr seid cool und wir sind heiß”? Die Mannschaft ist cool – aber nicht im gemeinten Sinne, sondern ich finde sie unterkühlt, merkwürdig blutleer und emotionslos. Und heiß? Sind die Fans auch nicht mehr – da kann ich Schaaf schon verstehen, wenn er sich ärgert, dass ein Silvestre von den eigenen Fans ausgepfiffen wird. Es gab Zeiten, da hätte man ihn trotz seiner Leistungen angefeuert – er trägt eben die Raute. Was ist daraus geworden?
Ich denke, dass der Erfolg das größte Problem von Werder ist. Immer dann, wenn keiner Werder auf der Rechnung hatte, war Werder stark. Immer dann, wenn man nicht der Favorit war, war Werder da. Immer dann, wenn Werder der Underdog war, war Werder stark. Aber das ist eben nicht mehr. Die Ansprüche sind gewachsen. Bei der Mannschaft und auch beim Umfeld. Wobei ich das Gefühl habe, dass die Ansprüche des Umfeldes die sind, die die Mannschaft vielleicht lähmen.
Hinzu kommt, dass Schaaf seltsam glück- und planlos wirkt. Und hier habe ich überhaupt kein Gefühl, woran es liegen kann. Ich würde mir allerdings wünschen, dass sich dies schnellstens wieder ändert.
Ich bin ehrlich: ich habe noch die Tickets für das Interspiel. Ich habe meiner Frau versprochen, mit ihr dorthin zu fahren – hauptsächlich, weil auch Weihnachtsmarkt in Bremen ist. Richtig freuen kann ich mich auf das Spiel im Moment nicht. Ich werde danach erst einmal kein Spiel von Werder mehr im Stadion verfolgen. Ob ich mir in den nächsten Wochen Werderspiele im Fernsehen anschauen kann, weiß ich nicht. Dazu bin ich im Moment einfach noch zu enttäuscht.